Tauschen wir die Elite einfach aus…

Sebastian Frenzel / Interpol

Nach dem Leiter der Kunsthalle muss jetzt auch der Direktor des Museum Ludwig in Budapest seinen Posten räumen. Ungarns Künsten droht die Gleichschaltung

Am Ende hat alles nichts genützt: weder der Aufstand von Künstlern, Kuratoren und
Galeristen noch die Briefe vom MoMA in New York und der Londoner Tate Modern,
und selbst die Intervention der Stiftung Ludwig in Aachen blieb wirkungslos: Barnabás
Bencsik muss seinen Posten als Direktor des Budapester Museum Ludwig räumen, als
seine Nachfolgerin wurde Julia Fabenyi bestimmt – die Wunschkandidatin der rechtsnationalen Regierung unter Viktor Orbán.
„Dieses Verfahren fügt sich in eine Reihe von Entscheidungen einer konservativen,
ideologisch geleiteten Kulturpolitik, die sich vorgenommen hat, die ganze Kulturelite
auszutauschen“, sagt Dora Hegyi vom Aktionsbündnis „Zusammenschluss für die zeitgenössische Kunst“, das das Museum Ludwig Mitte Mai besetzt hatte. Hagy bemängelt
„mangelnde Transparenz beim Ausschreibungsverfahren und die Zusammensetzung
der Vorschlagsjury, die nicht mit Fachleuten besetzt wurde, sondern mit Kulturbürokraten“.

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Der Vorgang, so Kritiker, glich mit seinen Termin- und Verfahrenstricksereien
einer Farce. Barnabás Bencsik gilt als renommierter, international vernetzter Ausstellungsmacher. Eine Verlängerung seines Vertrags, der bereits im Februar auslief, schien lange Zeit reine Formsache. Noch Ende Mai war Walter Queins, der geschäftsführende Vorstand der Aachener Stiftung Ludwig, nach Budapest
gereist, um sich für den bisherigen Direktor starkzumachen. Die Stiftung hat offiziell
kein Mitspracherecht bei Personalentscheidungen, hoffte aber auf ein Einlenken der
ungarischen Behörden. Vergeblich. Der zuständige Minister Zoltán Balog soll Queins in einem Gespräch lediglich die fachliche Kompetenz der neuen Direktorin zugesichert
haben.
Seit Orbáns Amtsantritt im Mai 2010 erlebt Ungarn eine radikale kulturpolitische
Umgestaltung. Das Führungspersonal in öffentlichen Kultureinrichtungen wurde weitgehend ausgetauscht, die Medienlandschaft umstrukturiert. Als neues Machtzentrum
wurde die ungarische Kunstakademie MMA installiert: eine Privatakademie, die unter
Orbán auf Verfassungsrang gehoben wurde und jetzt als Schattenministerium agiert. Es
gibt Hetzkampagnen gegen die vermeintliche Dominanz der „Linksliberalen“, Kritiker
wie die Schriftsteller György Konrád und Ákos Kertész erleben nationalistische und
antisemitische Anfeindungen, prominente Kulturschaffende wie der Generalmusikdirektor der Staatsoper, Ádám Fischer, traten aus Protest gegen Orbán zurück.
Auch die bildenden Künste stehen massiv unter Druck. Ende 2012 erst legte der Leiter
der wichtigen Budapester Kunsthalle, Gábor Gulyás, sein Amt nieder. Auslöser war der
Streit um eine Ausstellung über nationale Identität. Gulyás hatte in dieser Schau konservative Positionen gezeigt, aber auch ironische Beiträge: Paprikapulver, in Bahnen
gelegt wie Kokain; Neil Armstrong mit ungarischer Flagge auf dem Mond … Harmlose
Arbeiten, doch im heutigen Ungarn genug für einen folgenreichen Skandal.
György Fekete, der ultrakonservative Präsident der Kunstakademie MMA, sah in der
Ausstellung eine Beleidigung des Ungarntums: „So was können Privatgalerien machen,
aber nicht die Leiter staatlicher Museen“, polterte der 80-Jährige. Zudem solle es „in
staatlichen Institutionen keine Beleidigung der Kirche geben“. Angesprochen auf die
Trennung von Staat und Kirche in modernen Gesellschaften, entgegnete er: „Ich pfeife auf
diese moderne Demokratie.“ Auch eine Reaktion von Ministerpräsident Viktor Orbán
ließ nicht lange auf sich warten. Er entschied, die Kunsthalle künftig der MMA zu unterstellen.

Gábor Gulyás trat daraufhin zurück. Feketes MMA saß jetzt auch in der Vorschlagsjury
für den Direktorposten am Museum Ludwig.

Monopol

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